Geburtsbericht - Montagsblogserie

Veröffentlicht am von

Geburtsbericht - Montagsblogserie

01_Montag_19-08Man sagte uns, mit dem Baby stimmt was nicht. Am Gehirn. Eine Kleinigkeit. Man machte uns Hoffnung es sei nichts Schlimmes.

 

Es folgten viele Tage voller Tränen. Für mich gab es nur eine Frage: werde ich mein Baby lieben können?

 

Es war die Geburt gekommen. Er wollte nicht raus. Er rutschte nicht ins Becken. Er war 16 Tage zu spät. Während der Geburt entschied man, dass ein Kaiserschnitt gemacht werden sollte. Also lag ich im OP. Es rumpelte und wackelte und dann sagte die Hebamme „Hier ist ihr Sohn" und ich sah das erste Mal mein Baby ganz nackig und schleimig. Endlich sieht man zu dem Ungewissen auch ein Bild. Dann merkte ich einen Kloß im Hals und musste husten. Die Schwestern merkten, dass ich keine Luft mehr bekam. Mein Mann wurde mit dem Kind raus geschickt und ich dachte, das erste Mal das ich mein Sohn sehe, ist auch das letzte Mal. Ich hatte so intensiv das Bild von ihm vor Augen, das ich dachte jetzt schließt du deine Augen... was war passiert? Ich habe ein Medikament während der OP nicht vertragen und der Zugang in meiner Hand war schlecht, so dass die Tropfen nicht regelmäßig rein liefen. Die Schwestern wurden plötzlich schnell und rannten umher, rissen meine Brille runter und ich bekam eine Atemmaske auf. Das war für mich wie in einem schlechten Film. Ich dachte ich bekomme keine Luft und habe versucht mir die Maske runter zu reißen, bis eine Schwester sich bemühte meine Atmung kontrolliert zu beruhigen: „einatmen...ausatmen“. Das hat mir sehr geholfen. Ich bekam Sauerstoff gelegt und konzentrierte mich auf meine Atmung. Irgendwann fragte der Arzt, ob ich intubiert sei. Ich versuchte locker zu bleiben und meinte, dass ich noch da sei und mich auf meine Atmung konzentriere. Die OP war dann vorbei, aber anstatt zum Kind musste ich in den Aufwachraum. Eine ganze Stunde lang. Ich habe diese Uhr angestarrt, um die Zeiger schneller laufen zu lassen, aber sie war so lang. Ich wollte doch endlich mein Kind sehen. Endlich war es dann soweit. Mein Bett wurde wieder in den Kreissaal geschoben. Mein Herz raste. Die Tür ging auf und Papa hatte ihn auf den Arm und kam mir mit den Worten „Da ist die Mama" entgegen. Das war so toll. Und dann durfte ich den Wurm auf den Arm nehmen. Endlich mein Baby halten. So kleine Hände - ich war noch gar nicht fertig mit kuscheln und hatte ihn mir noch gar nicht angeguckt, da wurde er in ein anderes Krankenhaus verlegt. Er würde bestimmt um Hilfe wimmern. Er sollte in die Kinderklinik. 2 Tage und 2 Nächte ohne mein Baby. Ganz schrecklich. Papa blieb die ganze Zeit da und schickte mir Fotos aufs Handy. Nach 2 Tagen wurde ich dann ins gleiche Krankenhaus verlegt, weil es ihm nicht gut ging. Die erste Begegnung, ich saß im Rollstuhl (ich konnte nicht laufen mein ganzer Bauch tat vom Kaiserschnitt weh) und sah sein Gitterbettchen. Papa machte das Gitter runter, zog alle Kabel soweit raus, dass sie zu mir reichten und legt ihn mir auf den Arm. Ich habe ihn ganz fest gehalten, gestreichelt, geküsst und angeguckt. Leider war ich so schwach, dass ich ihn nicht lange halten konnte. Ich saß oft an seinem Bett und habe ihn gestreichelt. Die Tanten, Omas und Opas konnte ich nur mit Fotos zufriedenstellen. Die Tage vergingen und die Ärzte machten viele Untersuchungen. Ihm ging es nicht gut und mir auch nicht. Ich konnte schlecht laufen. Man stellte fest, dass ich ein Hämatom am Bauch hatte, was sich abgekapselt hatte und ich nochmal operiert werden musste. Die Hölle für mich. Danach konnte ich aber besser laufen. Bei Henry wurde mit 10 Tagen das erste MRT gemacht und auch die Sache am Gehirn überprüft. Wir lagen 3 Wochen im Krankenhaus. Es war eine schlimme Zeit, die Tage wurden immer länger und ich habe mich einfach nach der Entlassung gesehnt. Irgendwann sagten uns die Ärzte, was Sache sei. Man stellte einen seltenen Gendefekt fest. Man erzählte uns, was alles aufgetaucht sei und man bereitete uns auf die Entlassung vor. Wir bekamen einen Baby Erste Hilfe Kurs, was ist wenn er nicht mehr atmet. Wir bekamen einen Überwachungsmonitor nach Hause und viele Dokumente und Termine in der nächsten Zeit. Ich war total überfordert. Dann konnten wir gehen. Endlich das Baby in eigenen Klamotten. Die Oma hatte extra was genäht. Die Babyautoschale wirkte so groß und er so klein. Endlich mit Kind das Krankenhaus verlassen. Das war so toll. Endlich durfte die Familie ihn sehen. Die erste Zeit war sehr anstrengend. So viel Neues. Einrichtungen die ich vorher nicht kannte und unser Baby musste viel durch machen. Er ist ein so tapferer Junge. Ein Genlabor hat alles bestätigt, was im Raum stand. Aber ich liebe mein Kind so, wie es ist. 

 

Henry, heute 2 Jahre alt, Joubert Syndrom. Pflegegrad 4 und Schwerbehindertenausweis BGHAG 100%. Henry ist das Beste was mir je passiert ist. Er ist so niedlich und wickelt alle um den Finger. Er ist ein fröhliches Kind. Unser Leben hat sich um 180° geändert. Wir haben Leute die uns den Rücken kehren aber auch Freunde fürs Leben gefunden. 

 

Lena

 

Das Schreiben von Kommentaren ist nur für registrierte Benutzer möglich.
Anmelden und Kommentar schreiben Jetzt registrieren