Geburtsbericht - Montagsblogserie

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Ich muss mit meiner Erzählung etwa 10 Monate vor der Geburt meines Sonnenscheins beginnen.

 

Nach 2 wunderbaren Kindern (16 und 10 Jahre) hatten mein Mann und ich das Gefühl, es fehlt irgendwie was in unserem Leben und uns wurde schnell klar, dass wir beide uns noch ein drittes Kind wünschten. Nach einer Brustkrebserkrankung nach der Geburt unserer großen Tochter, konnten wir uns den 2. Kinderwunsch erst später als geplant erfüllen. Dann kam Beruf und Karriere dazwischen, aber irgendwie war der bestehende Kinderwunsch immer wieder mal präsent. 

 

Also entschlossen wir uns im Mai 2017 , trotz des „fortgeschrittenen“ Alters (beide 41) und nach Absprache mit meiner Gynäkologin, es mit allen Konsequenzen noch einmal zu versuchen. Wir setzten uns ein „Limit“ bis Ende 2017 und sagten uns selbst, wenn es bis dahin nicht klappt, dann soll es nicht mehr sein. 

 

Ende September 2017 fühlte sich mein Körper anders an und ich wusste, ich bin tatsächlich schwanger. Aufgeregt wartete ich auf die Regelblutung, die dann tatsächlich ausblieb... der folgende Test war dann direkt positiv und wir waren überglücklich. 

 

Bei einer Vorsorgeuntersuchung in der 9. SSW erzählte ich meiner Gynäkologin, dass meine in 2003 erkrankte und operierte Brust so schmerzen würde. In der Schwangerschaft natürlich nicht unnormal. Aber für mich war es ungewöhnlich, da ich aus der Schwangerschaft meines mittleren Sohnes wusste, dass die operierte Brust sich eigentlich nicht verändert. 

 

Meine Gynäkologin war sehr aufmerksam und machte direkt einen Ultraschall. Da sie tatsächlich einen Knoten feststellte, bekam ich direkt am Nachmittag des gleichen Tages eine Biopsie. Zwei Tage später hatte ich es leider schwarz auf weiß...der Krebs hatte mich erneut befallen. 

 

Ein Karussell der Gefühle begann...wir brachen zusammen und wussten nicht wie es weitergehen soll...

 

Unser absolutes Wunschkind gehen lassen, kam für uns nicht in Frage und nach etlichen Tagen der Ungewissheit und vielen Arztbesuchen war klar, dass wir das auch nicht tun mussten. 

 

Bei einem Spaziergang alleine im Wald versprach ich dem kleinen Wesen in meinem Bauch, dass ich es nicht zulassen würde, dass ihm etwas passiert und ich alles dafür tun würde, es zu einem späteren Zeitpunkt im Arm halten zu können. 

 

In der 14.SSW unterzog ich mich einer Brustamputation unter Vollnarkose. Immer unter strengster und engmaschiger, ärztlicher Kontrolle war später klar: dem kleinen Zwerg in meinem Bauch geht es hervorragend und er entwickelte sich vorbildlich. 

 

Die nächste Entscheidung stand an. Das Baby früher holen, um mir einen früheren Therapiestart zu ermöglichen und um die nötigen weiteren Untersuchungen so schnell wie möglich durchführen zu können, oder den kleinen Mann (mittlerweile wussten wir, dass es ein kleiner Kämpfer ist) selbst entscheiden zu lassen, wann er ankommen möchte. 

 

Wir entschieden uns ihn selbst wählen zu lassen...auch wenn es im Nachhinein betrachtet für mich ziemlich nervenaufreibend war... 

 

Allerdings machte er keinerlei Anstalten am Termin (05.06) persönlich „Hallo“ zu sagen und da meine Gynäkologin mich aufgrund der ganzen Vorgeschichte nicht übertragen lassen wollte, wurde ich am 04.06. zur Einleitung ins KH geschickt. 

 

Meine Hebamme aus dem Vorbereitungskurs hatte Dienst und nach zwei Kindern war mir auch klar, dass ich die „Hausmittel“ zur Einleitung und stunden-/ oder tagelange Warterei nicht wollte...das machte ich unmissverständlich klar und so bekam ich noch am Nachmittag, gegen 16:00 Uhr einen wehenfördernden Tampon eingelegt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Herztöne des Kleinen nicht so gut und deshalb entschied man sich für das Tampon, um es im Notfall jederzeit entfernen zu können. 

 

Ca. 2 Stunden später bekam ich erste Wehen; leicht und aushaltbar. Am CTG erkennbar waren aber leider die Herztöne vom Kleinen immer noch nicht gut. So musste ich jede Stunde zum CTG...immer das gleiche Spiel...leichte Wehen, Herztöne nicht gut. 

 

Gegen 21:00 Uhr hatte ich dann keine Wehen mehr und die Herztöne waren in Ordnung. 

 

Mein Mann wurde nochmal nach Hause geschickt und ich auf mein Zimmer. Wir sollten versuchen zu schlafen. Es könnte noch lange dauern, bis sich was tut. Falls sich etwas verändert, sollte ich zurück zum Kreissaal kommen.

 

Gesagt, getan. Ich legte mich hin, schaute noch etwas fern und schlief dann tief und fest ein. Ich schlief die ganze Nacht wie ein Stein. So hatte ich wochenlang nicht mehr geschlafen. Gegen 04:30 Uhr würde ich plötzlich wach. Ein leicht schmerzhaftes Ziehen war der Grund. Ich dachte: „Oh. Das könnte eine Wehe gewesen sein.“ und schlief wieder ein. Um 04:50 Uhr stand ich dann plötzlich im Bett und musste veratmen. Und mir war schlagartig klar, dass sind definitiv Wehen und ich muss zum Kreissaal. Ich ging kurz ins Bad, kam zurück ins Zimmer, schloss die Schranktür und dachte es zerreißt mich. Ab diesem Moment hatte ich alle 2 Minuten Wehen, die sich gewaschen hatten. Ich lief noch selbst zum Kreissaal, immer wieder von Wehen geschüttelt. Die Nachtdienst-Hebamme nahm mich in Empfang, brachte mich in einen Kreissaal, schloss mich ans CTG an und untersuchte mich. Den Wehen nach zu urteilen, dachte ich der Muttermund sei fast komplett eröffnet. Wehen in diesem Stadium kannte ich bisher nicht, da ich bei den beiden anderen Kindern jeweils eine PDA hatte... 

 

Die Hebamme blickte mich mitleidig an und teilte mir mit, dass der Muttermund erst bei 2 cm läge. Sie entfernte sofort den Tampon und versorgte mich mit sämtlichen Schmerzmitteln die möglich waren, da ich mittlerweile jede Minute eine heftige Wehe hatte. Es war mittlerweile 05:45Uhr. Ich schrieb meinem Mann eine Nachricht, dass er sofort kommen müsste. Reden konnte ich nicht mehr. Gott sei Dank war er schon wach und hat die Nachricht gelesen. 

 

Um 05:50 Uhr ging die Kreissaaltür auf und meine Hebi aus dem Vorbereitungskurs kam wieder zum Frühdienst. Ich war so glücklich, denn ich hatte mir so gewünscht, dass sie bei der Entbindung dabei ist. Jahrelange Erfahrung hatte sie. Und Sie war mit vom ersten Augenblick an so ans Herz gewachsen. Sie gab mir homöopathische Mittelchen, half mir zu veratmen und zu kreisen und kontrollierte mit ernster Miene das CTG. Die Herztöne vom Kleinen waren schlecht. Ich hing mit dem Oberkörper auf dem Kreisbett, um im nächsten Moment wieder zu stehen. Es war kaum auszuhalten. In keiner einzigen Position. 

 

Um 06:20 Uhr stürmte mein Mann in den Kreissaal und ich brach in seinem Arm zusammen. Ich hatte durchgehende Wehen. Es war eigentlich nicht auszuhalten. Bis heute weiß ich nicht, wie ich das geschafft habe. Ich wimmerte nach einer PDA, wo alle anwesenden Personen sofort mit einverstanden waren. Die Anästhesistin wurde gerufen. Eine Ärztin untersuchte mich noch im Liegen. Muttermund bei 4cm. PDA problemlos möglich. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Ich hatte keine einzige Wehenpause. Um 06:35 Uhr hörte ich die Anästhesistin und fieberte der PDA entgegen. Plötzlich spürte ich einen wahnsinnigen Druck nach unten. Ich stand zu diesem Zeitpunkt wieder mit dem Oberkörper auf das Kreisbett gestützt. Als ich den Druck erwähnte, wurde ich wieder hingelegt und die Ärztin kam wieder zur Untersuchung. Währenddessen nahm ich so halb wahr, wie meine Hebamme die Wärmelampe über dem Wickeltisch anmachte und alle nötigen Behältnisse zur Entbindung fertig machte. Ich dachte noch, wieso sie das tut?! Und dann wurde mir klar...das mit der PDA wird nix mehr. Die Fruchtblase platze auf dem Kreisbett, die Ärztin sagte 10 cm und die Anästhesistin verließ den Kreissaal um 6:45 Uhr unverrichteter Dinge. 

 

Die Herztöne sackten weiter ab. Das alles nahm ich nur am Rande war...ich hatte das Gefühl, ich muss pressen...Meine Nachsorge-Hebamme, die bereits meinen mittleren Sohn zur Welt geholt hatte, war auch mittlerweile da. Und ich ließ mich einfach nur noch „fallen“, weil ich sooo erleichtert war, dass um mich herum vertraute Menschen waren. 

 

Dann hörte ich nur noch die Anweisung: „Du tust jetzt nur noch das, was ich dir sage!“ und ich musste im Vierfüssler aufs Kreisbett. Im nächsten Moment presste ich, als wenn es kein Morgen mehr geben würde... 3-4 Mal...und dann hieß es um Punkt 07:00 Uhr: Da ist er....diese Erleichterung, die durch meinen Körper schoss, kann ich überhaupt nicht beschreiben. Aber ich hörte nichts...und vor allem konnte ich nichts sehen, weil er ja hinter mir lag...dann endlich...nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich das erste, leise Protestschreien meines kleinen Kämpfers und die Tränen flossen...man reichte ihn mir zwischen meinen Beinen durch, ich kniete mich hin und hielt ihn einfach nur noch an mich gepresst in meinen Armen. Mein Mann und ich heulten um die Wette, hielten uns alle im Arm und waren einfach nur glücklich. Mein kleiner Schutzengel war geboren und ich hatte mein Versprechen eingelöst. 

 

Mein kleiner Schatz sah aus wie ein Schlumpf. Da er zweimal die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte, war sein Gesicht ganz blau gestaucht...das war auch der Grund für die schlechten Herztöne...aber er war da und er war kerngesund. Er hat sich wahrlich auf die Welt katapultiert. Es begann eine lange, intensive und wunderschöne Bondingphase. Mein Mann nabelte ihn irgendwann ab, während ich ihn festhielt. Die Ärztin kam zu meiner Untersuchung und konnte unverrichteter Dinge gehen. Es war alles in Ordnung. Während wir auf dem Kreisbett kuschelten, nahm die restliche „Geburt“ ihren Lauf und wir konnten dann endlich ins richtige Bett. Haut an Haut gekuschelt blieben wir im Kreissaal. Dann nahm die Hebamme Matts und meinen Mann mit zum Wickeltisch zum Wiegen und Messen. Mein Mann zog ihn dann an und ich konnte mich in der Zwischenzeit im Kreissaal abduschen und waschen. Danach gingen wir wieder ins Bett und kuschelten weiter. Der grosse Bruder und die große Schwester durften dann ausnahmsweise den kleinen Bruder noch im Kreissaal begrüßen. Sie weinten sogar vor Freude und platzten fast vor Stolz, als sie ihn in den Armen hielten....

 

Da mein Traum vom Stillen leider ein paar Monate zuvor platzte, musste ich schweren Herzens direkt eine Abstilltablette schlucken. Danach wurden wir dann auf unser Zimmer gebracht. 

 

Sechs Wochen nach der Entbindung konnte ich meine Anti-Hormontherapie beginnen und mittlerweile sind auch alle Untersuchungen gelaufen. Der Krebs ist verbannt. Metastasen haben sich in der langen Zeit des Wartens nicht niedergelassen. Ich bin wieder gesund und wenn ich meinen kleinen Sonnenschein heute anschaue, platze ich vor Glück ins weiß genau, dass ich alles genau richtig gemacht habe. 

 

 

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