Briefe an mein Kind - Freitagsblogserie

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Mein wunderbarer Sohn,

 

Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Denn Du hast mich zu einer Mama gemacht. Dabei wollte ich anfangs nie Kinder, bis Du Dich heimlich eingeschlichen hast. Unerwartet, ungeplant und zu einem Zeitpunkt, der unpassender kaum hätte sein können. Denn ich war jung. Zu jung. Und ohne berufliche Perspektive. Doch als ich beim Frauenarzt saß, weinend und verzweifelt, und er den Ultraschall machte, hab ich Dich zum ersten Mal gesehen. Nur 5 mm groß, mit hektischem Herzschlag. Es war sofort Liebe! Ungeachtet der Umstände, meiner persönlichen Probleme und dem sozialen Stand. Ich wusste, dass ich jetzt erwachsen werden muss, weil ich bald für Dich sorgen muss. Zum ersten Mal in meinem Leben ignorierte ich kritische Stimmen in meinem Umfeld. Keiner traute es mir zu, für Dich sorgen zu können. Ehrlich gesagt, ich kann das aus heutiger Sicht sogar verstehen, aber damals tat mir das fehlende Vertrauen wirklich weh. Um so mehr bemühte ich mich, Dir die Mutter zu sein, die Du brauchst. Lange, bevor Schlagwörter wie „Bindungsorientiert“ oder „Attachement Parenting“ bekannt wurden, handelte ich vor allem nach meinem Bauchgefühl und nicht danach, was in Ratgebern stand oder was mir vermeintliche Ratgeber einzutrichtern versuchten. Und wieder äußerten sich die Stimmen in meinem Umfeld kritisch. Du würdest mir auf der Nase herumtanzen. Du würdest auf die schiefe Bahn geraten. Deine Zukunft wurde in den düstersten Farben gemalt. Doch ich wusste, dass ich das Richtige tue. Spätestens mit einem Blick in Deine wunderbaren Augen wusste ich, dass sich alles zum Guten wenden wird. Und das tat es auch. Du warst vier Jahre alt, als ich meine Ausbildung begann und etwa zeitgleich auch eine Person in unser Leben trat, der uns bis heute begleitet und Dir ein wenig den Vater ersetzte, den es zwar biologisch gab, sozial aber nur wenig Bedeutung für uns hatte, auch wenn er Dich genau so sehr liebt wie ich. 

 

Mit den Jahren wurdest Du natürlich größer. Einer turbulenten Grundschulzeit folgten entspanntere Oberschuljahre. Du wurdest immer größer. Eines Abends bist Du als kleiner Junge ins Bett gegangen und als junger Mann wieder aufgestanden. So kommt mir das jedenfalls vor, denn ich habe kaum bemerkt, wie schnell Du größer geworden bist und wie sehr Du Dich verändert hast. Letztes Jahr hast Du Deinen hervorragender Realschulabschluss abgelegt. Und ich saß unendlich stolz im Publikum und dachte an all die Lehrerinnen, die mir vor etlichen Jahren sagten, aus Dir könne nichts werden.

 

Gestern hast Du Deinen Ausbildungsvertrag unterschrieben. In wenigen Monaten machst Du nun Deinen ersten Schritt in ein eigenständiges Leben. Dann bist Du fast 18 Jahre alt und bald bist Du flügge. Das heißt für mich nicht, dass ich mich nun entspannt zurück lehnen werde im Sinne von „Meine Arbeit ist getan“. Das werden schon Deine beiden kleinen Schwestern zu verhindern wissen. Aber ich kann voller Stolz darauf zurückblicken, dass mein Widerstand und mein Trotz Dich und mich eng zusammen geschweißt haben und ich hoffe sehr, dass ich Dich mit all den notwendigen Fähigkeiten ausgestattet habe, die Du für die Welt da draußen brauchst. Doch egal, wohin es Dich verschlägt und was noch kommen mag: Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Denn durch Dich hab ich gelernt, was das Leben bedeutet und nur durch Dich hab ich Jahre später den Mut gehabt, das Abenteuer Mutterschaft noch ein bisschen zu verlängern und Deinen zwei kleinen Schwestern das Leben geschenkt. Danke, dass ich Deine Mama sein darf.

 
In Liebe, Mama

 


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